(3.6) Die weisse Frau im Gugger

Früher wurde, als man meistens noch zu Fuss unterwegs war, der kürzere Weg über den Gugger von Rumisberg nach Farnern benutzt. Durch die Hasengasse kommend, nach den letzten Häusern von Rumisberg führt ein steiler Weg auf das Terrassengelände von Farnern.

Tagsüber geschieht hier nichts Aussergewöhnliches. Aber nachts sollte sich jeder Fussgänger vor der weissen Frau in Acht  nehmen, die hier umher irrt und die Leute mit ihrem plötzlichen Auftauchen erschreckt.

Es kann sein, dass der Wanderer bei besonderen Witterungsverhältnissen oberhalb der Waldlücke bei einer Kluft auf eine Frau trifft.

Diese steht jeweils stumm da und schaut mit verwundertem, verwirrtem Blick  auf den Berggänger.

Alle, die dieser Frau begegnet sind, bekamen es mit der Angst zu tun und machten sich eilends davon. Sie erzählten, dass sie beim Zurückschauen ein sehnsüchtiges Nachblicken der weissen Frau bemerkt hätten. Aber keiner getraute sich zurückzukehren und damit die Erscheinung zu erlösen.

Daraufhin sei die Geistergestalt ganz langsam in den Boden hinein versunken.

Ungläubige behaupten, aus dieser Kluft steige bei grosser Kälte ein Nebel auf. Die weisse Frau sei in Wahrheit nur ein Nebelschwaden.

Wer die Erscheinung je gesehen hat, beharrt aber auf der Begegnung mit einer Frau, die etwas sagen oder fragen möchte. Solange aber niemand den Mut aufbringt, sich zu stellen, weiss man nicht, was die Frau bedrückt und wie man sie erlösen könnte.

Quelle: „Flueblüemli und Aarechisle“, Elisabeth Pfluger, Solothurn

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