(1.8) Ein Geisterjäger an der Grenzbuche

Um die Wende zum 20. Jahrhundert wanderten zwei Bauern aus Farnern eines Sonntags zusammen auf die Buchmatt ob Wolfisberg. Einer von den beiden, Brunnmattsämi,  war geistersichtig, das heisst, er verfügte über besondere Gaben: er konnte Wasservorkommen ausfindig machen und bei Unglück im Stall musste er überall mit Rat und Tat zu Hilfe eilen. Er war eben an einem Allerseelentag, am 2. November 1855 zur Welt gekommen.

Am späten Nachmittag, als sich die Beiden auf dem Heimweg befanden, warnte Brunnmattsämi seinen Freund Gottfried: „ Wir werden nun beim Grenzgatter einem Jäger mit zwei Hunden begegnen. Sage ja kein Wort zu ihm, denn er ist ein Geist!“

Kurz darauf tauchte wirklich der besagte Mann auf, mit einer Flinte über der Achsel und zwei Jagdhunden. Der Jäger starrte gerade aus, als ob die zwei Männer Luft wären; er entbot den Bauern keinen Gruss und marschierte mitten auf dem Weg, als ob er weit und breit der Einzige wäre.

Brunnmattsämi und Gottfried wichen ihm aus, getrauten sich dann aber zurück zu schauen: der Jäger und seine Hunde waren verschwunden, wie wenn sie der Boden verschluckt hätte.

Der geistersichtige Sämi war jenem Jäger hier schon oft begegnet und er wusste auch, wer dieser war.

Den Namen verriet er aber nie. Er meinte, dass man jemanden, der wegen einer ungesühnten Untat die ewige Ruhe noch nicht gefunden hat, nicht der Neugier der Leute aussetzen sollte.

Quelle: „Flueblüemli und Aarechisle“, Elisabeth Pfluger, Solothurn

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