(1.3) Der Heiltrank vom Lindemätteli

Die erste Weidhütte in der Attiswiler Teuffelen stand früher ordentlich weiter hinten. Durch einen Erdrutsch wurde sie zugedeckt; am heutigen Standort baute man eine neue Sennhütte auf. Vor Jahren bekamen die Geissen eine böse Seuche. Kein Hausmittel half dagegen. In seiner Not schickte der Senn seinen Geissbuben, um den  Kräutermann zu holen. Ueli lief ins Dorf hinunter und der Kräuterdoktor brach einige Lindenzweige ab und sagte ihm, die Meisterfrau solle daraus einen Trank kochen und das zusätzlich mitgegebene Pulver beimischen. Der Geissbub eilte wieder den steilen Weg den Berg hinauf. Nichts auf der Welt war Ueli lieber als seine Geissen, deshalb lief er so rasch er konnte. Auf dem Reckenacher erreichte er heftig atmend die Höhe; mit einem Male wurde ihm schwarz vor den Augen und er fiel ohnmächtig hin.

Inzwischen wartete man auf der Teuffelen sehnsüchtig auf die Rückkehr des Buben; als es dunkelte,  ging ihm  der Senn entgegen. Mitten auf dem Weg fand er den toten Ueli. In den Händen hielt dieser die Lindenzweige und die Dose mit dem Pulver. Der Senn trug ihn in die Sennhütte. Die Meisterin kochte eilends den Trank. Die Geissen erholten sich rasch und wurden bald gesund. Die Sennenfrau sagte: „Der brave Ueli soll nicht vergebens gestorben sein. Auf diesem Heilmittel war doch ein eigener Segen gelegen.“ Der Senn steckte alle fünf Lindenzweige bei jenem Mätteli in den Boden, wo er den Geissbuben gefunden hatte.  Dabei bemerkte er: „Dies soll zum Andenken an unsern braven und treuen Ueli geschehen.“ Fünf prächtige Linden wuchsen empor. Drei davon stehen noch heute auf dem Lindemätteli.

Den Attiswilern sind sie lieb und wert. Deshalb feiern sie jedes Jahr an einem Sommersonntag das Lindemättelifest.

Quelle: „Flueblüemli und Aarechisle“, Elisabeth Pfluger, Solothurn

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