(1.12) Die Dame von Oggehüsere

Im Gemeindegebiet von „Oggehüsere“, oberhalb von Niederbipp lebte vor vielen Jahren ein Mädchen, welchem man nachsagte, dass es den „sechsten Sinn“  habe. Es sah und spürte Dinge, von welchen andere Leute nichts merkten.

Es war eine Gabe, die Gutes auslöste, aber auch ihre Kehrseiten hatte.

Als Lineli eines Nachmittags ins Dorf hinunter spazierte, begegnete ihm eine wunderschöne Dame. Diese trug ein prächtiges, blauseidenes Kleid. Die blonden Haare und die klarblauen Augen erinnerten das Mädchen an ein Bild, welches es einst von einer Edelfrau gesehen hatte.

Ganz ehrfürchtig und freundlich wollte Lineli die Dame grüssen und sagte deshalb: „Einen guten Tag gebe Euch Gott.“

Bei diesen Worten leuchteten die Augen der blaugekleideten Frau glückselig auf. Darauf verschwand sie ohne nur ein Wort zu sagen vor den Augen des erstaunten Mädchens. Es aber wusste:“ Mit meinen guten Wünschen habe ich sie erlöst!“

Es wurde ihm leicht und froh ums Herz. Zuhause erzählte es von der Begegnung. Trotz allem Raten und Nachdenken fanden sie nie heraus, ob die verwunschene Dame eine Edelfrau der Erlinsburg oder eine Landvögtin gewesen war.

Niemand kannte eine Begebenheit, die dazu geführt haben könnte, dass diese schöne Edelfrau bis zur Begegnung mit Lineli unerlöst umherirren musste.

Für alle blieb es ein Geheimnis.

Quelle: „Flueblüemli und Aarechisle“, Elisabeth Pfluger, Solothurn

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