(1.11) Sieben Kaiserliche fehlen

Nach der Völkerschlacht von 1813 bei Leipzig marschierte ein Teil der kaiserlichen Armee durch die Schweiz, um daraufhin in Frankreich Napoleon in die Zange zu nehmen. Diese „Kaiserlichen“ führten sich zum Teil in der Schweiz schlimmer auf als zuvor die Franzosen!

Um Weihnachten 1813 wurden all diese Soldaten – Serben, Kroaten, Tschechen, Ungaren, Polen und Russen – auf die Haushalte der Dörfer verteilt, und man musste sie gratis und franko verköstigen und ihnen Unterkunft anbieten.

Unter diesen Soldaten hatte es einige ganz aufsässige und ungehobelte Kostgänger. Sie meinten, auch Frauen und Töchter der Bauern gehörten zu den Annehmlichkeiten – dabei hatten sie aber nicht mit den Männern und Jünglingen von Wolfisberg gerechnet. Diese zeigten ihnen, wer Meister im Hause ist!

Als am andern Morgen zum Appell geblasen wurde, fehlten sieben „Kaiserliche“.

Man wartete eine gewisse Zeit, aber die sieben Fehlenden rückten nicht ein. Die Wolfisberger zuckten die Achseln, man konnte und wollte nichts erklären.

Der Hauptmann ahnte wohl etwas, wollte sich aber mit der Dorfbevölkerung auf keinen Kleinkrieg einlassen. Wohl oder übel blies man zum Abmarsch und die Wolfisberger konnten wieder aufatmen.

Als einige Jahre später im Waulergraben ein alter Birnbaum gefällt wurde, kamen unter seinen Wurzeln Schädel, Knochen und Uniformknöpfe zu Tage.

Die Wolfisberger hatten zur Kriegszeit alle Stillschweigen über dieses Vorkommnis bewahrt und niemandem etwas davon verraten.

Man deckte wieder alles zu; die Sache war verjährt – nur eine alte, schauerliche Geschichte durfte endlich ohne Bangen weitererzählt werden.

Quelle: „Flueblüemli und Aarechisle“, Elisabeth Pfluger, Solothurn

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